Immer wieder gibt es im Leben einschneidende Momente, die uns prägen und uns zu dem machen, wer wir heute sind. Oft sind sie verletzend, beinhalten starke Emotionen und nicht selten rufen sie eine Schutzfunktion in uns hervor. Meist fühlen wir uns machtlos in dieser Situation, Schicksalsschläge könnte man meinen.
Doch selbst in Situationen in denen wir uns so absolut machtlos fühlen, sind wir meistens gar nicht vollkommen machtlos. Denn die Wahl zu entscheiden, auf welche Weise uns dieser Moment verändern wird und was wir daraus lernen, liegt immer bei uns.
Ich möchte euch eine kleine Geschichte erzählen:
Meine Mutter bekam kurz nach meiner Geburt Brustkrebs diagnostiziert. Sie begann eine Chemotherapie, der Krebs kam wieder, es war ein ständiges Auf und Ab. Seit ich denken kann, war die Krankheit ein Teil von ihr. Nächtelang saß ich bei ihr, hielt ihre Hand und leistete ihr Beistand, als sie vor Schmerzen stöhnte und weinte. Ich übernachtete neben ihr auf dem Sofa, wenn sie an manchen Tagen zu schwach war, um in ihr Bett zu wechseln. Wie oft habe ich ihre Verzweiflung und ihren Schmerz miterlebt.
Als meine Mutter dann nach 12 Jahren mit wiederkehrendem Krebs „endlich“ starb, zog es mir den Boden unter den Füßen weg. Ich war selbst erst zwölf Jahre alt und nun musste ich plötzlich erwachsen werden. Sie war mein ganzes Leben lang krank gewesen. Ich wusste nicht wie ich damit umgehen sollte. Ich zog mich zurück und begann ein Jahr lang meine Freizeit nach der Schule nur mehr mit Sims3 und Fernsehen zu füllen.
Doch je mehr die Erinnerungen an meine Mutter verblassten, desto stärker wurde das Bedürfnis in mir, sie in Ehren zu halten. – Wer war sie und was waren ihre Wünsche, Werte und Träume? Was hatte sie sich immer für uns gewünscht? Und gab es einen Sinn, warum sie die Erde so früh verlassen musste?
Ich wollte Verstehen. Ich wollte einen Grund, der mir dabei half zu akzeptieren, dass ich sie nie wieder in meinen Armen halten würde. Ich wollte mir die schönen Erinnerungen hervorheben und nicht ihr tragisches Ende betonen. Und ich hoffte auf eine Antwort, wie ich mein Leben nun ohne sie leben sollte.
Denn das Leben meiner Mutter verlief viel zu schmerzvoll und endete viel zu früh und ich wollte den Gedanken daran nicht ertragen, dass das alles sinnlos gewesen sei. Zu einfach hätte ich die Welt sonst dafür hassen und mich von meiner Lebensfreude abwenden können. Zu einfach hätte es mein Urvertrauen gebrochen. Doch niemals hätte sie gewollt, dass ich mich dadurch unterkriegen lasse!
Sie hätte gewollt, dass ich mein Leben mit Faszination den schönen Dingen widme, anstatt meine Energie mit Leid und Kummer zu verschwenden, weil ich nun weiß, wie kostbar das Leben doch ist.
Sie hätte gewollt, dass ich meinen Träumen folge und die Person werde, die ich in meinem Innersten wirklich bin. Aufrichtig, ehrlich, lebensfroh und vor allem: Immer Ich selbst. Weil sie weiß, dass Unglücklichsein auf Dauer krank macht.
Sie hätte gewollt, dass ich dem Leben voller Hoffnung und Selbstvertrauen gegenübertrete, weil ich zwölf Jahre lang miterlebt habe, wie sie sich ihre Freude am Leben nicht durch eine Krankheit hat nehmen lassen.
Sie hätte gewollt, dass ich stets aus Liebe handle, weil ich weiß, wie unglaublich mächtig Liebe doch ist und weil ich mich erinnere, wie sie trotz Rollstuhl und Knochendegeneration in der Hüfte für uns in die Küche stellte, damit wir eine warme Mahlzeit genießen können.
Was ich damit sagen möchte…
Nach einem einschneidendem Moment in unserem Leben können wir uns entweder dazu entscheiden uns zu verkriechen, im Selbstmitleid versinken und damit auf Dauer unser Selbstbewusstsein zerstören. Es ist einfach, denn es geht schnell und vermutlich hat es jeder Mensch auf diesem Planeten schon mindestens einmal selbst erlebt. Es ist einfacher als aufzustehen und zu rebellieren. Einfacher als etwas zu verändern. Doch die Werte die wir dabei lernen sind Angst, Misstrauen und negative innere Überzeugungen. Und all das zerrt an uns, raubt uns die Lebensenergie und macht uns auf Dauer krank.
Wenn wir uns stattdessen jedoch dazu entscheiden, „aufzustehen“, einen Moment innezuhalten und versuchen etwas Gutes in dem Geschehenen zu finden, können wir selbst aus den schlimmsten Zeiten eine Erkenntnis erhalten, die uns bereichert und stärkt.
In dem wir lernen, aus einer negativen Situation einen für uns nützlichen, stärkenden Aspekt zu erhalten, nehmen wir der Angst und Verzweiflung ihre Macht. Und mit dieser Macht, die wir zurückerhalten, können wir wiederum aktiv etwas verändern. Wir können daran wachsen.
Wir haben also vielleicht keine Macht darüber, Geschehenes rückgängig zu machen und vielleicht bringt uns eine Situation, in der wir uns befinden, so richtig zum Verzweifeln. Aber wir können entscheiden, wie wir damit umgehen, was wir daraus lernen und in weiterer Folge auch, in welche Richtung es uns verändert. Denn alle Erkenntnisse und Erfahrungen, die wir in unserem Leben sammeln, verankern sich tief in unseren Überzeugungen. Manchmal werden sie sogar unsere Identität. Grundlegende Werte, nach denen wir bewusst und unbewusst leben und dadurch beeinflussen, wie wir zukünftige Situationen wahrnehmen, bewerten und uns anschließend dementsprechend verhalten.
Die Geschichte meiner Mutter ist tragisch, ihr Kampf war jedoch keines Falls umsonst. Warum ihr Leben auf diese Weise verlaufen musste, werde ich mit Sicherheit niemals sagen können. Doch ich weiß, es hat mich zu der Person gemacht, die ich heute bin. Es hat mich gestärkt und mir gezeigt, worauf es im Leben wirklich ankommt. Es hat mir geholfen, das Erlebnis zu verarbeiten und meinen Frieden zu finden. Erst dadurch erkannte ich meinen Lebenssinn, meine Passion. Und dafür bin ich ihr unendlich dankbar.


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